Mein Name ist Marcus und ich bin nach 4 Jahren Krankheit von Long Covid genesen. Mit dem Projekt „marcus recovered“ möchte ich meine Erfahrungen teilen, über die Erkrankung aufklären, Betroffenen helfen und Mut zum Durchhalten geben.
Hinweis: Die bereitgestellten Informationen dienen rein dem Erfahrungsbericht und ersetzen keinesfalls eine professionelle Diagnose oder Behandlung durch einen approbierten Arzt. Es werden keine Heilversprechen abgegeben oder Therapien empfohlen. Der Nutzer handelt bei der Umsetzung der Inhalte auf eigene Gefahr. Selbstmedikation & Eigenbehandlung sind stets in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt durchzuführen. Immer die Anweisungen der Packungsbeilage beachten.
Tag 0: Ein schlechter Scherz
Am 1. April 2022 erhalte ich mit ende 27 das positive Ergebnis des PCR-Tests. Während sich die restliche Familie, die zeitgleich mit mir infiziert wurde, nach einer Woche schon wieder erholt hat und ein Selbsttest nach dem anderen negativ wird, hält bei mir die Infektion zwei Wochen an; die Infektion an sich verläuft mild. Als auch ich endlich wieder negativ getestet werde und ins normale Leben zurück kehren möchte wird schnell klar: hier passt etwas gar nicht. Ich habe immer noch hohe Temperatur und starken Husten. Auf dem kurzen Weg zur Arbeit wird mir mehrfach schwindelig. Die flachen Altbautreppen in den ersten Stock schaffe ich nur unter großer Anstrengung und Atemnot. Am Arbeitsplatz kippe ich mehrfach beihnahe vom Schreibtischstuhl durch plötzlichen Kippschwindel. Gedanken lassen sich nicht greifen, ich verstehe sachverhalte und offensichtliche Zusammenhänge nicht. Kurzum: ich bin meinem Alltag nicht gewachsen.
Der Weg zur Diagnose
Nach einem kurzen Umweg über einen inkompetenten Arzt, der mir im Handumdrehen eine „Anpassungsstörung wegen Todesangst durch die gerade erlebte Infektion“ andichtet, dann die Diagnose: LongCovid. Zu dem Zeitpunkt kämpfe ich bereits über 12 Wochen mit extremer Erschöpfung, Brainfog, nicht enden wollenden Schmerzen. Die Liste der Symptome ist lang, die der Lösungen entmutigend kurz. Mithilfe von Taxi und Freundin (mittlerweile Ehefrau ♥️ ) schleppe ich mich von Termin zu Termin, verbringe Stunden in den Praxen bisweilen ratloser Ärzte, die mehr oder minder engagiert und kreativ versuchen, schlau aus meinem Zustand zu werden. Die Quittung folgt häufig in Form mehrere Tage anhaltender Crashs.
Ich schreibe Listen mit Themen und Dingen, die ich besprechen muss, am Computer und drucke sie aus. Ich kann mir die zu besprechenden Themen nicht merken, zudem kann ich ob mangelnder Kraft und Motorik keinen Stift halten, geschweigedenn damit schreiben. Einige ignorante Ärzte werden das in unseren Begegnungen als „krankhaften Fokus“ auf harmlose Probleme bezeichnen. Viele erkennen den Ernst der Lage, wenn ich zwei oder dreimal den selben Punkt meiner Checklise vorlese, als wäre es das erste mal, und ihre Antworten ständig wiederhole, während ich es versuche irgendwie im Handy festzuhalten, und anschließend sehr lange benötige, um zu überblicken, was wir nun schon geklärt haben.
Leben, chronisch Krank
Nach dieser körperlich fordernden und frustrierenden Phase der Diagnostik folgt die vermutlich anstrengendste Durststrecke im gesamten Genesungsprozess. Existieren mit einer Krankheit, die einen gerade 28 Jahre alt gewordenen Menschen im körperlichen und geistigen Zustand eines 95-jährigen fesselt. Mit der Ungewissheit, ob es jemals wieder nennenswert anders werden wird. Belastungstests zeigen, dass ich über 40% meiner altersgemäßen Sollbelastbarkeit verfüge. Ich benötige einen Duschhocker, Gehstock, Hilfe bei unebenem Boden, Treppen und schon leichte Steigungen ermüden meine Beine mit wenigen Schritten. Ich kämpfe gegen Luft, die sich in meiner Lunge so dick anfühlt wie Sirup, Migräne, Wetterfühligkeit und Kälteschmerzen. Wahrscheinlich ertrage ich das ganze teilweise auch nur so gut, weil ich bisweilen geistig gar nicht richtig da bin. Ich fahre kein Auto und muss alles, was nicht sofort erledigt wird, über Kalender, Timer und Wecker organisieren; keine Chance, etwas länger als wenige Augenblicke zuverlässig im Kopf zu behalten.
Wir machen das Beste aus der Situation. Ich habe das Glück, ein stabiles soziales Umfeld zu haben. Meine Frau tut was sie kann, Freunde und Familie nehmen uns und unsere Situation ernst. So können wir die Energie, die ich am Wochende für eine kleine Unternehmung habe, sinnvoll und wenigstens etwas erholsam verbringen mit Menschen, die uns eine Abswechslung zum Alltag mit chronischer Erkrankung ermöglichen. Wir bekommen viel Besuch, ohne Erwartungshaltung, das nächste mal selbst besuchen zu müssen. Ich darf meine Frau heiraten und bin kurz darauf selbst Trauzeuge. Wir entwickeln unsere Routinen und finden heraus, wie was funktioniert, was möglich ist und was nicht. Und mir ist bewusst, dass das Verständnis, das uns von allen Seiten entgegen gebracht wird, ein großer Luxus ist, der zu meiner Genesung ungemein beiträgt.
Die Versuchung des Übermuts
Und dann sind da plötzlich gute Tage. Nicht Tage, an denen alles wieder gut ist. Sondern Tage, die weniger schlecht sind; mit weniger Schmerzen, mehr Kraft, klarerem Kopf. Dinge gehen leichter, besser, schneller. Das tut gut, ein Lichtblick. Und gleichzeitig weiß ich, dass dieser Moment besonders Gefährlich ist. Noch gefährlicher als die Infektion oder alles bisherige. Denn von anderen Betroffenen weiß ich, dass Übermut in diesem Moment mehr als einen Fall zur Konsequenz hat. Andere, die sich nicht zügeln konnten angesichts eintretender Besserungen, haben direkt vollgas gegeben, und bitterlich bezahlt. Das gilt es um jeden Preis zu vermeiden. Ich bleibe Wachsam und Zurückhaltend; freue mich freilich über die Besserung, horche gleichzeitig aber besonders misstrauisch auf das, was mein Körper dazu sagt, wenn ich weiter gehe, als bisher. Nur in kleinsten Tippelschritten wage ich mich weiter und teste die Grenzen sorgfälltig aus. Selbstverständlich nicht immer erfolgreich, einige Male überschreite ich die Linie des Guten und bezahle mit einem gewaschenen Crash. Doch insgesamt gelingt es mir, den Bogen nicht übermäßig zu überspannen. Und langsam aber sicher taste ich mich wieder an ein normaleres Leben heran. Der erste Spaziergang ohne Stock. Es folgen die ersten 500 Meter auf dem Fahrrad; mit Picknick! Ich fahre wieder kurze Strecken mit dem Auto. Ich gehe einkaufen.
Zurück in älterer Frische
Rückblickend würde ich sagen, dass ich von den vier Jahren Long Covid eines damit verbracht habe, den Zustand zu fangen, zu halten und Routinen zu entwickeln. Die Restlichen drei Jahre waren natürlich geprägt von Rückschlägen und Verschlechterungen, gehören in Summe aber eher zum Weg der Besserung. Inzwischen bin ich 32 und noch immer beschäftigen mich einige Symptome. Ich habe 4 Jahre meines Lebens als junger Erwachsener damit verbracht, nicht kränker zu werden, ohne die Gewissheit, jemals wieder gesund zu sein. Dass ich das heute bin und mein von mir formuliertes Wunschziel von 80% körperlicher Leistungsfähigkeit deutlich übertreffe, ist für mich eine Erleichterung, aber keine zwingende Kosequenz aus dem, was ich getan und gelassen habe. Zu komplex sind die Prozesse, zu verschränkt die Abhängigkeiten, zwischen Stoffwechsel, Energiehaushalt, Immunsystem und neurologischen Sturkturen. Ich weiß nur, dass ich für mich nach bestem Wissen und Gewissen und logischem Denken versehentlich einen möglichen Weg zur Besserung gegangen bin. Vermutlich gibt es noch viele andere. Wer momentan behauptet, er kenne den Königsweg zur Genesung für jeden Long Covid Patienten, ist meiner Meinung nach wenigstens unseriös, wenn man ihn nicht als Quacksalber bezeichnen will. Ich glaube, dafür wissen wir noch nicht genug über diese Erkrankung.
